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In Stimmigkeit mit Innen und Außen

Für viele Gesellschaftskritiker ist der Begriff “authentisch” mittlerweile zum Modejargon geworden. Es geht hierbei speziell um den Gebrauch des Wortes in Bezug auf die eigene Echtheit und Wahrhaftigkeit und nicht um dessen Verwendung im Kontext authentischer Kunst, authentischer Interpretation etc. Um authentisch zu sein und danach zu handeln müssen wir uns im ersten Schritt über unsere Werte und Bedürfnisse bewusst werden. Dies braucht Zeit und Muse, die wir in unserem Alltag scheinbar nur schwer für uns beanspruchen können. Es fällt uns oft leichter, von Außen gegebene Erwartungen und Normen zu erfüllen, als in Auseinandersetzung mit uns selbst zu gehen. Jeder Mensch hat eine gewisse Kapazität zur Verfügung, wenn diese durch das Außen erschöpft ist, gibt es nicht mehr die notwendige Energie für ausgedehnte Reflexion.


Wie können wir in einer Welt, die mit einer immer höheren Erwartungshaltung an uns tritt, unsere Besinnung nach Innen kultivieren und authentisch agieren? Authentisch zu sein heißt zum Ersten nicht, pur und ungefiltert unseren Bedürfnissen freien Lauf zu lassen sondern, wie der Kommunikationswissenschaftler Schulz von Thun es formuliert, in Stimmigkeit von Innen und Außen zu leben. Zum Zweiten obliegt der Begriff Authentizität der Annahme von gelebter Individualität, denn jedes Individuum kann nur authentisch sein, wenn es sich seiner Einzigartigkeit bewusst ist. Hier beginnt für mich ein sehr interessantes Dilemma:


Pur gelebte Authentizität ist also wie zuvor erwähnt kein anstrebenswerter Zustand, da wir dabei unsere Mitmenschen übergehen würden. Auch in einem soziokulturellen Kontext ist authentisch sein kein favorisiertes Attribut, denn wir erleben gerade eine Era des kollektiven Individualismus - also ein Individualismus, bei dem das Individuum gesellschaftlich eingebettet ist. Die individuelle Entfaltung erfolgt nur innerhalb eines bestimmtem Rahmens und dieser Rahmen ist oft nicht einmal erkennbar. Wir stoßen also auf die gesellschaftlichen Grenzen unserer Authentizität, oder in anderen Worten: der homo stimulus, der Reizmensch, lebt in einer für ihn zugeschnittenen Blase, die sein eigenes Verständnis von Individualität definiert und in Beziehung zu einem Kollektiv individuell denkender Menschen steht. Die Suche nach dem Selbst ist zwar schon Jahrtausende alt, wird allerdings durch die Flut an Reizen, die speziell die Generation Z ausgesetzt ist, immer undurchschaubarer. Wer sind wir wirklich und was wird uns als unsere Individualität verkauft?


Wer sind wir wirklich und was wird uns als unsere Individualität verkauft?

Zu diesem Zeitalter der Beschleunigung und Reizüberflutung gehört auch der Begriff “Verhaltenskapitalismus”. Er läutet eine neue Era ein, in dem uns Authentizität und freie Entfaltung verkauft wird, damit wir uns schlussendlich wieder in einem genormten, kontrollierten und sich selbst erhaltenden System wiederfinden. Es wird uns ein Konstrukt von Individualität mit klaren, unsichtbaren Rahmenbedingungen vorgegaukelt (der Verhaltenskapitalismus), in dem wir uns einzigartig fühlen und eine Kopie unserer wahren Authentizität leben (kollektiver Individualismus), die uns vom Kollektiv bestätigt wird. Man könnte an dieser Stelle wage Rückschlüsse zu der Ideenlehre des Philosophen Platon ziehen, die besagt, dass wir Menschen in der Sinneswelt, also der Wirklichkeit in der wir leben, nur die Kopien oder Nachahmungen der wahrhaftigen Ideen aller Dinge sehen. Es scheinen sich viele Gedanken tatsächlich zu wiederholen, denn Platon sagte auch: „Sich selbst zu kennen, ist die erste aller Wissenschaften.” Sich selbst zu erkennen und authentisch zu leben heißt mitunter, sich über einen Anteil unseres Scheinindividualismus bewußt zu werden und zu versuchen, sich selbst wahrhaftig und entkoppelt von äußeren Erwartungen zu begegnen. Mit dem Bewusstsein des kollektiven Individualismus und einer sehr tückischen Art des Kapitalismus im Hinterkopf, möchte ich mich nun der, laut Platon, wichtigsten Wissenschaft widmen.


„Sich selbst zu kennen, ist die erste aller Wissenschaften.” - Platon

Ein unumgänglicher Faktor ist im Selbststudium die Regelmäßigkeit und das Implementieren der Rücksprache mit sich selbst im Alltag, also das Entwickeln von Routine im Umgang mit sich selbst. Das führt, über längere Zeit praktiziert, zu steigender Lebensqualität sowie zu einer steigenden Qualität unserer zwischenmenschlichen Beziehungen. You have to do it, to do it!

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