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Gescheiter scheitern: Umgang mit Lebenszielen


Veränderung macht uns als fortschrittliche Menschen aus, trotz allem macht sie uns im täglichen Leben oft Angst und steht im Widerspruch mit unserem inneren Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität. Wir akzeptieren deshalb oft eher das bekannte Unglück anstatt nach dem unbekannten Glück zu suchen. Diesen grundlegenden Widerspruch und wie wir mit wandelbaren Werten und Lebenszielen umgehen lernen können, möchte ich hier beleuchten.

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari spricht in seinem Buch “Eine kleine Geschichte der Menschheit” von der kognitiven Revolution (S. 11ff, Deutsche Verlags-Anstalt, 2013), durch die der Mensch als Lebewesen unter anderen hervortrat. Einen grundlegenden Anteil hatte dabei die Entwicklung der Sprache, über die wir Geschichten, Mythen, Vorstellungen und Werte teilen und entwickeln konnten. Diese dienen uns bis heute als Grundlage unserer kollektiven Identität. Sei es in Unternehmen, Lebensgemeinschaften, Nationen oder Religionen - man einigt sich auf ein gemeinsames Wertesystem und erschafft trotz aller Individualität ein Wir-Gefühl, den gemeinsamen Nenner.

Im westlichen kapitalistischen Wertesystem gibt es etliche sprachliche Beispiele dieses gemeinsamen Nenners in Form von sozioökonomischen Regeln und Normen, die wir auch kollektiv einhalten. Auf social media Kanälen fällt dies besonders durch die Präsenz einschlägiger Zitate und Redewendungen auf, die unter anderem das Aufgeben von vermeintlichen Zielen systematisch abwerten: “Aufgeben ist keine Option”, “Nur weil es mal schwer ist darfst du nicht aufgeben”, “Aufgeben kann jeder” und so weiter.

Etwas angestrebtes aufzugeben wird in erster Linie pauschal als Zeichen der Schwäche interpretiert und demnach in unserer Gemeinschaft nur schwer toleriert, obgleich die eigentliche Definition des Wortes durchaus positiv konnotiert ist: „etwas Sinnloses, Unerreichbares bzw. nur mit destruktiven Folgen verbundenes loslassen, beenden, aufhören, einstellen; etwas loszulassen entgegen der vom Kollektiv getragenen Werte- und Zielfixierung nach dem Motto: „koste es, was es wolle”.”

Wenn der Sinn eines Ziels oder eines Zustandes angezweifelt wird, ob durch persönliche, soziale oder mentale Veränderungen, sollten wir uns spätestens dann folgende Fragen stellen: Passen meine ursprünglichen Ziele und meine Lebenssituation aktuell noch zu meinen Bedürfnissen und Werten? In welchen Bereichen meines Lebens verfüge ich über die erforderliche Bewegungsfreiheit für Veränderung?


≪ Passen meine ursprünglichen Ziele und meine Lebenssituation aktuell noch zu meinen Bedürfnissen und Werten? ≫

Indem wir uns dieser Fragen stellen gehen wir in ehrlichen Austausch mit uns selbst und können unseren entwicklungsbedingten, immer wieder verändernden Bedürfnissen treu bleiben.

Dies ist ein Prozess der nicht immer einfach ist, die vermeintliche Alternative - nämlich wider seiner wandelnden, wachsenden Persönlichkeit zu handeln - macht allerdings auf Dauer weder glücklich noch zufrieden.

Ich selbst habe viele meiner Lebensziele erfolgreich erreicht, um andererseits wieder (an oft gar nicht in meiner Macht stehenden Umständen) in der Umsetzung des Angestrebten zu scheitern. Im Gegensatz zur sehr machtvollen Haltung, dieses Scheitern als beschämendes, abwertendes „Misslingen“ zu interpretieren, hat sich im Laufe meiner Entwicklung etwas Neues breitgemacht. Anstatt zu tun, was ich bisher immer getan hatte - nämlich kompromisslos immer mehr zu geben bis zur Fremd- und Selbstausbeutung - gab ich meine großen beruflichen Ziele vor einigen Jahren auf. Dies war eine mächtige und schmerzhafte Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Raum zu schaffen für das Unbekannte war essentiell um mich authentisch weiterentwickeln zu können. Ich erkannte, dass das Wort Scheitern durchaus ebenso eine Interpretation von „gescheiter” oder „gescheiter werden” anbietet. Jeder „Misserfolg“ birgt somit ein Potential zum Entwickeln kreativer und kluger Alternativen.

Mittlerweile bin ich anhand meiner eigenen Geschichte davon überzeugt, dass man durchaus gut scheitern und dies auch lernen kann. Ganz nach den bekannten Worten von Samuel Beckett: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail better.”


Nicht umsonst ist das Thema des destruktiven Festhaltens in so vielen Denkströmungen ein zentrales Thema. Der Buddhismus spricht z.B. von dem, tiefes Leid erzeugenden, Festhalten an Dingen und Zielen um jeden Preis. Die stoischen Philosophen erkannten Klugheit als Fähigkeit zwischen dem Guten, Schlechten und Neutralen zu unterscheiden und damit verbunden das Potential zu erkennen, woran man festhalten kann und woran nicht.


Seit jeher wollte ich professionelle Musikerin und Komponistin sein und habe alles dafür getan, bis ich schlussendlich mit einem Fulbright Stipendium in New York City Voice Performance studieren konnte. Nach meinem Studium im Berufsleben angekommen, dämmerte es langsam in mir. Ich und die Musikwelt, in der ich mich bewegte, passten nicht zusammen. Um es mit den Worten des bekannten französischen Soziologen Pierre Bourdieu zu sagen: Ich verfügte schlicht nicht über das erforderliche soziale und symbolische Kapital im Sinne des fehlenden „Stallgeruchs”. In gewisse, für eine Karriere erforderliche, Insider-Kreise konnte ich einfach nicht vordringen. Ich musste akzeptieren, dass mich ehemalige Kollegen ganz einfach aufgrund der marktgängigen Kontakte allein schon durch ihnen in die Wiege gelegtes Milieu mit einer Leichtigkeit überholten, obwohl ich – folge ich den Aussagen meiner Lehrer - von meinen Fähigkeiten nicht hinter ihnen rangierte. Wie sollte man da nicht Gefahr laufen, verbittert zu werden? Wie es auch so viele Frauen im Beruf täglich erleben müssen, habe auch ich über Jahre hinweg die unsichtbare gläserne Decke zu spüren bekommen - mit oftmals fadenscheinigen Begründungen. Dieser über lange Zeit sehr realen und existenziellen Bedrohung konnte ich jedoch erfolgreich entkommen indem ich letztlich erkannte:

Es war schlicht und einfach nicht stimmig. Der Kommunikationswissenschaftler Schulz von Thun definiert Stimmigkeit als die Harmonie vom Innen und Außen, also d’accord sein mit sich und der Welt. Wie sollte ich also ausgerechnet meine Stimme erheben in einer Welt, in der ich nicht in Stimmigkeit leben kann? Mir einzugestehen, dass mein Traum, auf den ich 15 Jahre lang hin gearbeitet habe, nicht mehr mit meinen Werten und Lebensvorstellungen einher geht, war keine leichte Kost. Zwar hatte ich noch keine Alternativen, aber ich entschied mich, Platz und Zeit für neue Ideen und Impulse zu machen. Die Komponistin in mir setzte sich also mit einem leeren Blatt Papier hin und fing an, nachzudenken, zu lesen, zu recherchieren, zu sammeln und zu spielen.


≪ Nichts ist je umsonst geträumt oder erreicht. ≫

Nichts ist je umsonst geträumt oder erreicht. Meine Tätigkeiten als Vocal Coach, Dozentin und Performer gingen in dieser unsicheren Phase weiter, auch wenn mein Fokus geistig schon bei meiner neuen undefinierten Zukunft war. Dieser geistige Perspektivenwechsel brachte mich zum Teambuilding und in Folge zum Business Coaching. Alles fügte sich scheinbar mühelos ineinander und nach einigen Jahren inhaltlicher Arbeit entstand D’ACCORD COACHING mit all den Angeboten, die auf meiner Website heute zu finden sind. Das Loslassen von dem, was für mich den Sinn verloren hatte, transportierte mich also in eine unerwartete Aufwärtsspirale und in eine Welt, in der ich und mein Umfeld d’accord - in Übereinstimmung - sein dürfen. Auf diesem Weg möchte ich auch dich begleiten!

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